AutorThema: Die härtesten Folgen  (Gelesen 188 mal)

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Offline Männlich Gasthaus Schenk

Die härtesten Folgen
« am: 08.09.2020 07:13 »


Index:
1. Feuer, Holz und Scherben
2. Liebesgrüße aus Istanbul
3. Eine tote Ratte unterm Bett
4. Untadelig den Schein wahren
5. Jäger und Gejagte
6. Ein Flugzeug liegt im Abendwind
7. Molche und Klapperschlangen


1. Teil: Feuer, Holz und Scherben


Ein Mann fährt die Landstraße entlang. Er ist angespannt und in Vorfreude. Zu seiner Rechten ein kleines Waldstück. Er sucht etwas Bestimmtes und bald schon hat er es gefunden. Eine abgenutzte Forststraße geht durch die Bäume. Er biegt ab und lässt den Lieferwagen eines lokalen Handwerkers zum Stehen kommen. Die Aufregung durchzuckt seinen Körper und er fühlt sich gut. Abseits der Straße lässt er den Wagen zum Stehen kommen, steigt aus. Er trägt eine Lederkluft. Jetzt war er ein anderer Mensch, besser und von alljenen gefürchtet, die je wagten, sich über ihn zu erheben. Mit mehreren Handgriffen holt er das Motorrad von der Ladefläche und macht sich weiter. Mehrere Meter fährt er, über die Landstraße. Noch fällt er niemandem auf. Wenige Autos kreuzen seinen Weg. Er erreicht sein weiteres Ziel, die Brücke, kommt zum Stehen und blickt von ihr aus hinunter auf die Landstraße. Ruhig blickt er nach unten, während die Aufregung seinen Körper durchzieht. Aber was da aufgeregt war, das war nicht er. Das war sein falsches ich, das Ich, das herumgeschubst wurde. Sein wahres Ich, das war der Mann in der Lederkluft, der in einigen Minuten wieder der Schrecken der Straße sein würde. Das Phantom. Ein Wagen kommt, ein Kombi. Der Moment des Triumphs ist gekommen. Er wartet den richtigen Moment ab, hebt den Holzklotz und mit einem siegreichen Krachen schlägt das Stück in das Fahrzeug ein....

Nun werte Mitmenschen der Moment ist wiedergekommen, da die alte Reihe wieder aufgelegt wird. Ich spreche natürlich von meiner Betrachtung der härtesten Folgen der Serie TKKG in ihrer Gänze und wie jeder, der die alte Staffel noch kennt, bemerken kann, hat sich hier doch stilistisch einiges geändert. Durch ein Problem mit dem Forum sind die alten Texte nonexistent und es hat nun einige Jahre gebraucht, bis dieses wichtgste aller Themen wieder in den Zentrum der Aufmerksamkeit rücken kann. Viel hat sich getan und es wird großartig werden, doch bevor ich mich nun weiter der heutigen Folge widme folgen einige Hausmeister und Allgemeinunkte zum weiteren Verfahren.
Unter den Jugendhörspielserien gängiger Machart dürfte TKKG eindeutig die härteste Reihe darstellen oder zumindest die, in der sich der Autor am meisten in dieser Hinsicht rausnahm. Genau genommen stellt TKKG die Übertragung eines reißerischen Groschenromankrimistils in einer Jugendbuchreihe dar. Stefan Wolf, der seine Anfänge schließlich bei Jerry Cotton hatte, ist bereit seinem Publikum thematisch wie auch darstellerisch einiges abzuverlangen und bewegt damit in einer anderen kriminalistischen Realität, als es die drei Rätselfreunde aus Rocky Beach und die ständig Ferien machenden Fünf Freunde tun.
Wir werden es also im späteren Verlauf der Reihe mit sehr vielen unterschiedlichen Formen von Härte zu tun haben, seien es physische/psychische/emotionale Gewalt, Selbstjustiz, Tierquälerei, Misshandlung oder Sittenwidrigkeit. Die genauere Betrachtung einiger Subtexte macht mehr als deutlich, dass sich in einigen Geschichten Abgründe auftun, die der primären Zielgruppe nicht sonderlich auffallen.
In der Reihung der zu beschreibenden Folgen werde ich mich nicht an eine beondere Reihenfolge halten. Einzig die jeweiligen Härtehöhepunkte werde ich mir wohl für das Ende aufbewahren. Insgesamt erstreckt sich mein Horizont auf Reihe des Originalautors. Über spätere Teile kann ich keine Angaben machen zumal ich aber nicht denke, dass in der Transformation von der Jugend- zur (Klein)kinderserie der Reihe und ohne den reißerisch und teilweise leicht trashigen Stil noch weitere Höhepunkte zu erwarten wären. In Qualität oder Härte. Einen besonderen Augemerk werden wir auch auf die drei Giftschrankfolgen setzen, die angeblich (!) von der FSK als problematisch eingestuft wurden (was, soviel ich sagen kann, mindestens in einem Fall überhaupt nicht nachvollziehbar ist) und werden hier im Gesamtvergleich sehen, dass es weitaus härtere Exemplare der Reihe gibt.

Der geneigte Leser wird zu Beginn erkannt haben, in welchem Folgenradius wir uns hier heute bewegen. DAS PHANTOM AUF DEM FEUERSTUHL gehört zum ersten Wurf Bände aus dem Jahr 1979. Peter Carsten fährt mit einem Lehrer in dessen Personenkraftwagen mit und wird samt Wagen Opfer des berüchtigten Attentäters, des Phantoms. Zum Start erleben wir einen Kurzdialog und müssen uns doch die Frage stellen, ob es wirklich um Volleyball geht, denn das Vorhandensein eines Fouls in diesem Sport ist doch etwas umstritten. Alsbald werden Leser und Hörer Zeuge des Angriffs und darauffolgenden Aufprall des Wagens und durch das Auftauchen des illustren Gesellen wird die Folge ihrem Namen gerecht. Im Folgenden beginnt nun die Jagd nach dem Unbekannten, sinnt Peter Carsten schließlich auf Rache. Die Vier treiben sich längere Zeit am Tatort herum und stoßen im Subplot auf Brandstiftung an einem örtlichen Bauernhof und dürfen für eine der skurilsten Beschreibungen der gesamten Reihe ein lokales Wasserloch verwenden.
Der Spannungslevel wird über die Folge recht hoch gehalten, auch wenn stets und ständig der Humor nicht auf der Strecke bleibt. Unterstützt wird das sowohl in Original- und Neufassung durch eine gelungene musikalische Untermalung.
Hervorzuheben ist die Szene, in der die Vier ein Treffen mit dem mutmaßlichen Attentäter organisieren. Ich meine, man muss das nochmal nachvollziehen. Vier Jugendliche im Alter von ca 13 bis 14 Jahren verabreden sich mit einem Mann, von dem sie denken, er verübe aus einem verqueren Rachetrip gegen die Existenz von Personenkraftwagen Angriffe auf Autobahn und Landstraße. Wir reden ja nicht davon, dass TKKG irgendwie realistisch wäre, aber das ist schon ein ziemlich hoher Grad an Leichtsinn, der lustigerweise auch thematisiert wird.
Härte entfaltet die Folge in Anfang und Ende. Durch den Angriff als solchen und das spätere psychotische Innenleben unseres Holzverarbeiters. Auch das Treffen mit dem Schreiner zuvor ist unangenehm, wird in Szene und Erklärung eine schmierige Atmosphäre gestaltet. Ich möchte nochmal dazu sagen, dass Schröter die vier versucht abzufüllen und ein perverses Interesse an Gaby zeigt.

Die Geschichte des Subplots besitzt eine Tiefe, der die Adaption nicht ganz nachkommt. Es handelt sich um die Verwebung des Schicksals mehrerer Menschen in einer Tragödie, die letztlich alle negativ beeinflussen wird. Ein Autounfall mit unklarer Schuld zwingt ein Mädchen in den Rollstuhl und bringt ihren Vater dazu, die Scheune  des Fahrers anzuzünden. Es mag sein, dass das Eingreiffen der Vier die weitere Einbezihung Unschuldiger in diese Spirale verhindert, doch dürfte klar und deutlich sein, dass diese Geschichte nicht vorbei ist. Nicht vorbei sein kann.

DAS PHANTOM AUF DEM FEUERSTUHL stellt in der "ersten Staffel" wohl die Folge mit höchsten phyischen Gewaltdarstellung dar und nimmt eine Sonderstellung innerhalb der ersten Folgen dar. Hinzu kommt, dass der Tatverlauf im Prinzip nicht nur realistisch, sondern real ist. Schlagzeilen von Holzklotzattentaten auf niedersächsischen Autobahnen liegen nicht allzuweit zurück. Dennoch nutzt die Folge ihr Härtepotential nicht vollständig aus, was aber eben mit Blick auf die Zielgruppe durchaus nachvollziehbar ist. Wir haben es mit einem Klassiker zu tun. Eben einem härteren.

Fazit: In unserem Neustart behandelt wir hier die Geschichte eines irren Holzschnitzers, der seine Geltungssucht befriedigt, indem er Angst und Schrecken verbreitet. Abgründe tun sich auf, Scheunen brennen und Unfälle ziehen ihren Rattenschwanz nach. Spannend, hart und immer noch empfehlenswert.
Forenbeauftragter des Komitees zur Befreiung Manfred Diehls

Unbestrittener Vorsitzender der "Früher war alles besser"-Fraktion, unverbesserlicher Reaktionär und Vulgärromantiker

Offline Männlich Mr. Murphy

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Antw:Die härtesten Folgen
« Antwort #1 am: 08.09.2020 08:21 »
So manche Folge, die sich Fans selber ausdenken, sind noch härter, als die härtesten Folgen. Ich muss da immer an meinen letzten unmoralischen Klappentext denken, der einem Foren-Crash zum Opfer fiel. Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, hast ausgerechnet Du, Gasthaus Schenk, jenen Klappentext leider verpasst. Apropos leider: Leider habe ich den Klappentext nirgendwo gespeichert.  002.png

Es ging darum, dass Tim und Karl gerade im Ausland verweilen und Karl und Gaby auf einen neuen Fall aufmerksam werden. Sie beschließen spontan, den Fall selber aufzuklären. Es geht um entführte Mädchen. Bei der Hausdurchsuchung eines Verdächtigen findet Gaby in einem Schrank einige seltsame Gegenstände, die sie zuvor noch nie gesehen hat. 25x40.gif Eine grobe Zusammenfassung jenes Klappentextes.

Ist kegeln mit Thomas Anders als mit Dieter Bowlen?

Wenn einem die dritten Zähne in die Nudeln fallen, hat man dann Zahnpasta?

Liebe ist, wenn beide vom Waldspaziergang zurück kommen.

Offline Männlich Gasthaus Schenk

Antw:Die härtesten Folgen
« Antwort #2 am: 09.09.2020 14:57 »


2. Teil: Liebesgrüße aus Istanbul

Eine Frau blickt auf die Uhr in ihrer Hand. Eine Herrenarmbanduhr im Verkaufswert von 15.000 DM. Sie hat nicht viel Zeit. Heute hat sie etwas gefunden, das ihr Leben verändern, für immer verbessern soll. Heute wird sie Wohnung, Arbeitsstelle und ihren problematischen Bruder für immer verlassen. Sie packt zusammen, leichtes Gepäck. Unter Kleidungsstücken hat sie etwas versteckt. Sie nimmt die Taschen. Auf dem Tisch liegt eine Notiz. Die Tür schließt sie nicht ab. Unschlüssig dreht sie kurz den Schlüssel in der Hand, entscheidet jedoch, ihn mizunehmen. Sie steigt die Treppe hinab und kommt aus der Haustür in einem elendigen Viertel. Es ist kalt, Winter. Sie packt ihre Tasche, fester und entschlossen. In ihrer befindet sich ihr neues Leben. Kleidung, Bedarfsgüter und ein Paket mit Heroin.

Ja, werte Mitmenschen, das Warten hat ein Ende. Heute erscheint der nächste Beitrag aus dieser kleinen Serie der härtesten Erzeugnisse des TKKG-Universums. Wir nehmen einen kräftigen Schritt nach vorne und befinden uns im 80er Folgenblock der letzte, der noch rein aus genuinen Buchvorlagen bestehen sollte und wohl zur düstersten Dekade der Reihe gehört. Das heutige Objekt der Betrachtung ist die nicht unumstrittene Folge WEIßES GIFT IM NACHTEXPRESS. Umstritten deshalb, weil sich hier bereits Stefan Wolfs verhängnisvolle Veranlagung wiederfindet, interessante Storyfragmente einfach zusammenzuwerfen und die Vier es anscheinend nicht schaffen, drei Meter Feldweg zu passieren, ohne in ein Kapitalverbrechen verwickelt zu werden. Die Ordnung liegt hier im Chaos und Zufall ist die Mutter aller Verläufe, doch wenn man bereit ist, dies ein wenig außer Acht zu lassen, werden wir beschenkt mit einer Folge absolut dichter, rauer, winterlicher Atmosphäre.
Die Welt ist in Folge 80 keine schöne. Wir bekommen laufend den Eindruck abgewetzter Industriebaracken im Dezember und trotz der Erwähnung baldiger Adventsfestivitäten bekommen wir dieses drückende raue Gefühl eines Winters beißender Luft und gleißender Kälte. Blicken wir auf die menschliche Kälte, haben wir es mit einer groß verschnürten Ansammlung von Ereignissen und Taten zu tun, die alle in räumlichen Zusammenhang stehen und daher immer wieder miteinander korrelieren. Den Überblick zu behalten ob dieser Ansammlung türkisch-deutscher Rauschmittelinteressenvereinigung, dem Ministerium für Staatssicherheit, obdachlosenverprügelnden Telefonterroristen und den Geschehnisse im bulgarischen Kurswagen ist fast unmöglich.
Beschränken wir uns also zunächst auf die Härtepole. Folge 80 thematisiert als Erste und an sich Einzige das Unheil des realexistierenden Sozialismus und das Schicksal von Menschen, die im Arbeiter- und Bauernstaat einfach nicht erkennen möchten, wie glücklich sie doch eigentlich sind. Familie Sauerlich erhält Besuch der Dresdner Verwandtschaft, die die Lage ausnutzt, vom antifaschistischen Schutzwall nicht mehr geschützt zu werden. Anbei Manfred Steiwitz, der eine Gefängnisstrafe wegen staatsfeindlicher Reden in der DDR hinter sich hatte und im neuen Nachbarn der Sauerlichs seinen Peiniger, einem hochrangigen Mitglied des linken Regimes wiederzuerkennen meint.
Das Unheil nimmt seinen Lauf, denn Steiwitz gerät mehr und mehr in Wallung und schafft es nicht, sich zu beruhigen. Er geht zu dem Mann, Dr Landers und verliert die Fassung, hat jedoch Glück, dass der Andere schneller ist und ihn niederschlägt. Doch dunkle Stunden früher Schicksale werfen ihre Schatten weit über eine Generation hinaus. Wir alle befinden uns nur in einer Kette von Ereignissen, in denen wir vielleicht kompensieren, uns wehren oder nachahmen, aber immer das selbe Paket weiterreichen. Und so geht Steiwitz Paket auf seinen Sohn Dieter über. Dieter schlägt Landers nieder aus Rache, tarnt es als Raubüberfall. Sein Akt der Selbstjustiz soll seinen Vater davon abhalten, selbst etwas zu tun, damit Landers nicht noch einmal dessen Leben ruinieren kann. Und auch wenn das Hörspiel versucht, Distanz zu schaffen, so kommt es nicht umhin, die positive moralische Komponente hervorzuheben.
Was folgt, ist ein Mordanschlag, denn im namensgebendem Plot haben wir es mit der Istanbul Connection zu tun, die unter der Anleitung früherer SED-Aktivisten die Erschließung des ostdeutschen Markts vornimmt. In der Führungsriege hat man inzwischen aber ein Problem mit Dr Landers und wünscht dessen Liquidation.
Auch außerhalb dieses Komplexes geht es in der Folge nicht zimperlich zu. Peter Carsten greift zur Durchsetzung seines Willens zu Mitteln unmittelbaren Zwangs und ist versucht, einen Obdachlosen mit Gewalt zum Überdenken seiner Aussage zu bringen.
Die Titelszene, das Überfahren von Bert Hansen findet wieder in Hörspiel oder Buch als direkte Handlung statt, sondern bleibt eine Erzählerangabe. Insgesamt wartet die Folge also mit Gewalt, Gewaltbejahung, Bedrohung, Selbstjustiz, Telefonterror und schließlich der MfS-Thematik auf. Gerade in Bezug auf Letzterem hält man sich jedoch zurück. Dramaturgisch wäre das weitere Behandeln des Schicksals von Dissidenten im Sozialismus wohl zuviel gewesen, thematisch hätte es nochmal gepasst. Eben weil Regimegegner oft genug nicht einfach nur Gefängnisstrafen, sondern entsprechende Anstalten mit darüber hinausgehendem Terror ausgesetzt waren.
Unter den härtesten Folgen nimmt WEIßES GIFT IM NACHTEXPRESS keine herausragende Stellung ein. Neben dem Thema ist jedoch die dichte und abgerundete Atmosphäre der wohl größte Pluspunkt und stellt sie als düsteren lokalen Höhepunkt dar.

Fazit: Das MfS trifft auf Probleme der Völkerverständigung im internationalen Rauchgiftfachhandel. Düster und kalt. Ein zutiefst zufallslastiges Highlight.
Forenbeauftragter des Komitees zur Befreiung Manfred Diehls

Unbestrittener Vorsitzender der "Früher war alles besser"-Fraktion, unverbesserlicher Reaktionär und Vulgärromantiker

Offline Männlich Gasthaus Schenk

Antw:Die härtesten Folgen
« Antwort #3 am: 10.09.2020 16:18 »


3. Teil: Eine tote Ratte unterm Bett

Er war aus gutem Hause doch das muss nichts heißen. Man hatte ihn ausgeschlosse, abgeschoben und mit Geld abgespeist. Er hasste sie, seine Eltern und er hasste sich selbst. Doch das waren die Gedanken, die er sich nicht wieder machen wollte. Von Tag zu Tag und innerhalb der Wochen, hatte er einen Weg gefunden, diese Welt, in der er nichts war, zu verlassen und einzutauchen in eine andere, eine bessere. Eine Welt in der leicht war, in der sein Geist frei sein konnte. Und es gab da den Mitschüler, der ihm diese Welt offenbart hatte und den er bezahlte. Teuer bezahlte. Und wo er soviel für ihn getan hatte, da war er ihm gerne bereit einen Gefallen zu tun. Einen Gefallen, der belohnt werden würde. Er machte sich an der Tür zu schaffen und trat ein. Die Vorhänge waren vor den Fenstern. Viel Zeit hatte er nicht. Doch er sollte finden, was er suchte. Schnell hatte er ein Paket in der Hand mit 100.000 Mark...

Wir bleiben beim weißen Gift und kommen damit zum ersten Drogenfall der Vier vom Akronymenclub. Wie zuvor bewegen wir uns in der vorweihnachtlichen Zeit des Jahres 1979. Peter Carsten trifft im Stadtpark auf windige Gesellen, die einen alten Oberst überfallen. Die Spur führt ins Drogenmilieu. Auch Gabys Vater berichtet von Ähnlichem, einer großen Heroinschwämme auf dem heimischen Markt. Bei einem Besuch im örtlichen Hauptbahnhof meint Tarzan nun einen der Täter wiederzuerkennen, der offensichtlich bei einem Drogengeschäft zu Gange ist.

Ähnlich wie der vorangegangene Teil unserer Reihe hier wartet DAS PAKET MIT DEM TOTENKOPF mit einer beklemmend-dichten Winteratmosphäre auf. Das Thema Rauschgift sollte später mit der Schwerpunkt der Reihe werden, denn die Thematik ist für Jugendserien tendenziell untypisch, was zwei Gründe hat. Der eine bezieht sich auf die Besonderheit des Drogenmarktes als Teil des informellen Sektors. Der Handel mit Rauschgift weist geringe Markteintrittsbarrieren und sehr hohe Margen auf. Wo das der Fall ist, ist das Kampffeld das Verhalten der Mitanbieter im hauseigenen Markt wodurch Drogenhandel immer ein gewalttätiges Hochrisikogeschäft ist. Hinzu kommt die sekundäre Wirkung, die der Verfall im Zusammenhang mit bestimmten Genussmitteln mitbringt, was man doch dem behüteten Nachwuchs eher weniger zumuten möchte.
Während also andere, harmlosere Jugendserien, eher jugendaffinere Drogen behandeln, steigt man hier gleich in die Vollen, mit Heroin. Der Grund hierfür ist augenscheinlich klar. Stefan Wolf war immer wieder geneigt, aktuelle Themen zu verarbeiten und sei es sein eigener Urlaub. In diesem Fall haben wir es mit der Erzählung um Christine F zu tun, die Wolf zum Anlass nimmt, diese Geschichte auch für ein jüngeres Publikum zu verarbeiten. Und das muss man ihm sehr zugute halten, Stefan Wolf hat lange Zeit auf seine Leserschaft große Stücke gehalten und war bereit, sie auch mit anspruchsvolleren Themen zu konfrontieren. Und darin liegt auch der Grund, warum diese Folge es in diese Aufzählung geschafft hat. Mitnichten werden hier alle Drogenfolgen thematisiert werden. Die Begründung steckt in der Vorlage, in denen Wolf konsequent drastisch das Fixerschicksal berücksichtigt und die Folgen des Opiatmissbrauchs aufzeigt.
Im Hörspiel selbst bleibt allenfalls, neben der grundsätzlichen Atmosphäre der Folge, allenfalls die Drohung Detlef Egges, Gaby das Gesicht aufschneiden zu lassen.
Gemessen an den Möglichkeiten bleibt die Folge ziemlich harmlos und auch der aufgebaute Rauschgiftring ist eigentlich ziemlich lachhaft. Wenn wir auch noch bedenken, dass man sich einfach so um 100.000 DM erpressen lässt, sollten diese Gesellen auch ohne TKKG nicht lange im Geschäft bleiben.
Was ich etwas befremdlich finde ist dann schließlich die augenscheinliche Verbreitung von Heroin in der Internatsschule. Überhaupt, dass die Gegenseite in diesem Fall, also einfach mal zwei Abiturienten, die einen Discobetreiber gleich in diese Fallhöhe einsteigen, reichlich obskur und lässt doch eher fraglich erscheinen, was für eine Einrichtung dieses Internat eigentlich ist.

Fazit: Ein Beispiel der härteren Buchvorlage gegenüber dem Hörspiel. Eine der besten Folgen, in der Skala der Härtesten eher unten angesiedelt.

Forenbeauftragter des Komitees zur Befreiung Manfred Diehls

Unbestrittener Vorsitzender der "Früher war alles besser"-Fraktion, unverbesserlicher Reaktionär und Vulgärromantiker

Offline Männlich Einfach nur Beppo

Antw:Die härtesten Folgen
« Antwort #4 am: 11.09.2020 22:14 »
schöne idee.

besonders gefällt mir, dass du szene beschreibst wie der kunde von egge den koffer mit dem geld aus dem adlernest stiehlt. die kennen ja nur buchleser.

weißes gift und paket ... spielen in der vorweihnachtszeit? ist das deine erzählerische freiheit? denn weißes gift speilt im februar glaub ich und das paket.. ganz sicher im januar.

Offline Männlich Gasthaus Schenk

Antw:Die härtesten Folgen
« Antwort #5 am: 12.09.2020 00:58 »
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schöne idee.

besonders gefällt mir, dass du szene beschreibst wie der kunde von egge den koffer mit dem geld aus dem adlernest stiehlt. die kennen ja nur buchleser.

weißes gift und paket ... spielen in der vorweihnachtszeit? ist das deine erzählerische freiheit? denn weißes gift speilt im februar glaub ich und das paket.. ganz sicher im januar.

Eher ein gemeinsamer Fehler, den ich einräumen muss, denn insbesondere im Falle PAKET ist es eine völlig offensichtliche Fehlzuordnung (Stichwort Faschingsfeier). Zwar habe ich vor jedem Text die jeweilige Folge gehört und noch weitergehend recherchiert, doch aus einem mir unerfindlichen Grund, habe ich Folge 4 die "Weihnachtsstollen"-Passage zugeordnet, die dort nun wirklich nicht zu finden ist. Ich gebe zur Beruhigung jedoch hinzu, dass es in den nächsten beiden angekündigten Folgen dieser Textreihe nicht zu derartigen Aussetzern kommen wird. Aus den Titeln dürfte sich erschließen, welche beiden Folgen thematisiert werden werden.
Forenbeauftragter des Komitees zur Befreiung Manfred Diehls

Unbestrittener Vorsitzender der "Früher war alles besser"-Fraktion, unverbesserlicher Reaktionär und Vulgärromantiker

Offline Männlich Gasthaus Schenk

Antw:Die härtesten Folgen
« Antwort #6 am: 12.09.2020 14:57 »


4. Teil: Untadelig den Schein wahren

Er war reich und sehr sensibel. So sensibel, dass er in seiner Fantasie immer wieder fliehen musste. Fliehen in die Identität der großen schwarzen Rächer. Wenn er die Augen schloss, dann war er einer von Ihnen. Wie Sabata, Django und Sartana. Er lächelte bei dem Gedanken. Die Fantasie reichte ihm schon lange nicht. Heute ging es wieder auf die Pirsch. Gänzlich in schwarz gekleidet konnte keiner ihn sehen, doch im Mondlicht und den einzelnen Laternen, da konnte er sie sehen. Wie nieder, wie wertlos, sie doch wahren. Fürchten sollten sie ihn, ihn den Rächer. Das Gewehr lag locker in der Hand, der Finger lang am Abzug, er suchte und er fand. Er setzte das Fadenkreuz an, krümmte den Finger am Abzug und sein Schuss traf ins Ziel...

Nun werte Mitmenschen, unsere Reise durch die Abgründe des TKKG-Universums führte uns zuletzt zu zwei verhältnismäßig harmlosen Drogenfällen. Das ist Grund genug, uns in härtere Gewässer zu begeben. Unser heutiger Fall erschien im Jahr 1985 und ist in mehrere Hinsicht bemerkenswert. Wir haben es für den damaligen Folgenblock mit einer äußerst düsteren Folge zu tun, die sich mit den Themenfeldern Missbrauch, Tierquälerei, Geisteskrankheit und Sadismus beschäftigt und das Thema Profiling behandelte, bevor es den Begriff überhaupt gab. Stefan Wolf nimmt hier also nicht nur Hörspielgeschichte vorweg (Profiling kommt bei den Drei Fragezeichen erst Ende der 90er Jahre), sondern auch die öffentliche Betrachtung, denn hier wurde der Begriff erst maßgeblich durch das 1988 und später verfilmte DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER populär.
Dem geneigten Leser wird der Gegenstand dieser Betrachtung spätestens jetzt klar sein. Es handelt sich um Folge 43 GEFANGEN IN DER SCHRECKENSKAMMER.
Die Folge spaltet sich in zwei Plots, wohingegen der eine, Gabys Entführung, die Rahmenhandlung darstellt, in welcher der zweite, Tickels Erpressung, stattfindet. Bei genauerer Betrachtung fällt die Qualität dieser Konstruktion zusammen, wird doch arg willkürlich und gerade am Schluss sehr abrupt gehandelt. Genaugenommen wird Tickel nur gefasst, weil er selbst die Polizei auf Lamster aufmerksam machte und Tim wiederholt am Ende schlichtweg die zuvor von Klößchen geäußerte und von Tim verspottete Idee auf deren Basis man dann doch noch die Täter auf Basis der Tatort'schen "Es war der Kerl vom Anfang"-Regel findet.
Dass dieses Handlungsproblem zumeist keine Rolle beim Genießen dieser Folge darstellt liegt letztendlich an ihrer flüssigen wie düsteren Gestaltung. Die Handlung geht schnell genug vonstatten, um sich keine Gedanken zu verlieren und findet in erster Linie in der Nacht statt. Hinzu kommt, dass die Musikauswahl des Hörspiels aus düstereren Phil Moss-Stücken besteht wie bspw den Intro der Reihe "Dämonenkiller" und Musik der späten 30er DDF-Folgen.
In Bezug auf die physische Gewalt lässt sich eine Entschärfung der Vorlage feststellen, überlebt der Hund im Buch nicht, in der Folge hingegen schon. Zwar kommt die Sequenz nicht offen vor, hat aber dadurch ihre Härte in der Vorstellungskraft.
Ihren Platz als eine der härtesten Folgen hat 43 jedoch vor allem wegen der zugrundeliegenden Thematik des "Horrormönche"-Plots. Um es zu beschreiben: Zwei Abiturienten entführen einen Sechsjährigen, quälen ihn, setzen ihn aus und suchen sich nun ein 14jähriges Mädchen als Opfer, das sie zuächst betäuben, im Auto mitnehmen und in einem verlassenen Haus einsperren, jedoch an weiteren Taten gehindert werden. Details werden vermieden, sodass kindlichen Lesern und Hörern auch gar nicht klar sein dürfte, was genau hier beschrieben wird, was aber eben auch zuviel des Guten wäre. Auch im weiteren Verlauf durch die Gestalt des Dr. Hartholz und dessen seltsamen Gebarens scheitn Stefan Wolf durchaus die Sinne schärfen zu wollen, äuußert seine Meinung durchaus subtil durch Tims Mund. Mit Bezug auf die Gestalten, die im Internat hier Macht ausüben können, egal ob Hartholz oder die beiden Sadisten, ist es eine eindrückliche Warnung, dass Wolf vor absolutem Gehorsam warnt und daher kritisches Hinterfragen von Machtausübung und Autoritäten fordert.
Eine sehr erwachsene Thematik, aber ich wiederhole mich: Stefan Wolf hat große Stücke auf sein Publikum gehalten.
Über einen längeren Folgenhorizont betrachtet scheint das Internet trotz seines Weltruhms eine ziemlich zweifelhafte Personalpolitik zu betreiben. Dass es dabei zu den, in mehreren Folgen beschriebenen, Drogenexzessen kommt, ist dann auch nicht weiter verwunderlich.
Fazit: Thematik und Gewalt machen diese Folge nicht nur einer der spannendsten, sondern auch besten.
Forenbeauftragter des Komitees zur Befreiung Manfred Diehls

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